Prager Frühling
Stuttgart

Das Interview mit Herrn Dubbe, Meistertrainer 2006
3.08.2007 – ein Tag vor der Meisterschaft 2007 bricht er sein Schweigen.

Herr Dubbe, am Ende des abgelaufenen Kunstrasenturniers baten Sie für eine abschließende Analyse um ein Jahr Zeit. Jetzt müssten Sie so weit sein.

Das bin ich. Die Details würden jetzt den Rahmen sprengen. Zusammenfassend bin ich aber ganz klar zu der Erkenntnis gekommen, dass wir völlig verdient Deutscher Meister geworden sind.

Ihre 11 Kollegen scheinen da aber anderer Meinung zu sein. Zumindest traut Ihnen kein einziger die Titelverteidigung zu.

Damit kann ich gut leben. Die meisten denken, dass die Väter von Kompressor Tizian Favorit sind. Und das sind sie ja auch. Was ich nicht hören kann, ist dieser Quatsch, wie hart das Turnier für uns wird und wie groß plötzlich der Druck sei. Das ist doch Blödsinn! Wir hatten auch beim vergangenen Turnier immer Druck. Den meisten hatten wir im letzten Gruppenspiel, als wir Platz eins verteidigen mussten und dies trotz Rückstand auch getan haben. Wir sind damit immer zurecht-gekommen. Andere sind am Druck zerbrochen, nicht wir! Zudem kann ich diese negative Sicht der Dinge nicht leiden. Was macht es denn für einen Sinn, sich ständig darüber den Kopf zu zerbrechen, was alles schiefgehen könnte? Das hilft doch keinem.

Dann reden wir doch darüber, was alles klappen könnte. Glauben Sie denn selbst daran, dass der Prager Frühling seinen Titel verteidigen wird?

Wir sind Meister geworden, ohne vorher ein Turnierziel auszugeben. Das versuchen wir wieder. Jetzt ein Ziel für das kommende Turnier auszugeben, halte ich für unrealistisch, weil es da zu viele Unwägbarkeiten gibt. Kompressor Tizian muss das machen, bei denen führt kein Weg dran vorbei. Andere sollten da vorsichtiger sein. Ich bin schon erstaunt, wie viele Klubs mittlerweile Meister werden wollen. Wer soll denn das alles schaffen? Ich weiß gar nicht, wer da Letzter werden soll. Von zwölf Mannschaften sind dann zehn oder elf die Dummen, die ihre Ziele verfehlt haben – das müssen wir uns doch nicht antun.

Als Meister sollte man doch aber Ambitionen haben und diese auch öffentlich zeigen.

Natürlich ist es nicht unser Anspruch, um Platz neun zu spielen. Aber ich kann jetzt auch nicht sagen, dass wir auf jeden Fall Dritter werden müssen. Dazu kämpfen zu viele Klubs mit den gleichen Waffen. Kompressor, Potsdam, Bremen, Luzern, Halle, Köln und so weiter – alle erheben zu Recht Anspruch, oben mitspielen zu wollen.

Erstaunlich ist die Einigkeit. Kein Spieler redet vom Meistertitel.

Sie können sicher sein, dass wir selbstbewusst sind. Wir haben eine gute Mannschaft und sind Deutscher Meister. Dennoch sollte man in diesem Geschäft, wie überhaupt im Leben, eine gewisse Bescheidenheit an den Tag legen. Man sollte nicht Dinge von sich geben, die nicht zu einem passen. Meine Mannschaft weiß, dass sie mit Sprüchen nichts erreichen kann.

Sie sind also ein guter Lehrer?

Ich gebe diese Dinge zwar vor, aber das würde mir nichts helfen, wenn die Mannschaft nicht mitdenkt. Wir haben sehr viele Spieler, die dazu in der Lage sind, auch und gerade die jungen. Das haben sie natürlich nicht von mir allein mitbekommen, sondern auch aus ihrem Elternhaus. Unsere Nachwuchsspieler sind gut erzogen.

Ein gewisser Grad von Intelligenz gehört also auch dazu?

Ich habe vor allem eine Mannschaft mit Charakter, auch wenn dieses Wort leicht abgedroschen ist. Das hat etwas mit Werten, nicht nur mit Intelligenz zu tun: mit Ehrlichkeit oder Gerechtigkeit. Die Spieler können reflektieren und ihre Leistungen richtig einordnen.

Ihre Leistungsträger entschieden sich alle zum Bleiben. Obwohl beispielsweise Holger Frühling von Juventus aka Nürnberg umworben wurde. Hat Sie das ein wenig überrascht?

Ich bin darüber am wenigsten erstaunt. Die Jungs wissen, was sie am Prager Frühling haben. Sie sind noch nicht am Ende ihrer Leistungsfähigkeit und können hier noch einiges erreichen. Niemand muss mit 21 Jahren ausgesorgt haben und jetzt schon dem ganz großen Geld hinterherrennen. Entscheidend ist die Entwicklung, dazu brauchen die Jungs Spiele – das wissen sie genau.

Für Holger Frühling wäre ein Wechsel also noch zu früh gekommen?

Absolut, er kann später immer noch zu einem großen europäischen Klub gehen. Das weiß Holger. Auch wenn es keiner versteht oder glaubt – er hat tatsächlich nie eine Sekunde daran gedacht, ein anderes Angebot anzunehmen. So geht es mehreren. Das beschreibt sehr gut, was meine Mannschaft ausmacht.

Hatte der Trainer denn Angebote?

Da brauchen wir gar nicht drüber reden. Ich werde doch jetzt nicht den Verein wechseln, wo ich gerade Meister geworden bin.

Hat sich denn sonst etwas in Ihrem Leben durch den Titel geändert?

Es ändert sich einiges, schließlich gibt es ja nicht so viele Meistertrainer. Ich habe Kollegen, die arbeiten seit fünfzehn Jahren und haben noch nie einen Titel gewonnen. Im Urlaub erkannt zu werden, ist dabei nur eine Begleiterscheinung. Vor allem mehren sich Anfragen für Werbung und andere Auftritte.

Worum geht es da?

Vorträge zum Beispiel: Über Motivation, Teamwork oder Menschenführung. Ich mache so etwas aber weniger. Mein Job beansprucht mich schon sehr stark. Daneben möchte ich mir ein wenig Lebensqualität bewahren. Mit der Champions Arty Farty League haben wir ja auch noch zusätzliche Termine.

Geben Sie dort ein Ziel vor?

Gern. Ich will mich nicht gut verkaufen, ich will weiterkommen. Es gibt ja Mannschaften, die früh bei Kunstrasen ausscheiden und dann ernsthaft sagen, Kunstrasen sei ja nicht so wichtig, und nun könne man sich voll aufs Studium oder Ähnliches konzentrieren. Dort wollen sie dann wieder Kunstrasen erreichen – das ist doch ein Widerspruch in sich.

Sie haben vergangene Saison sehr schnell spielen lassen. Glauben Sie, dass Ihre Spielweise von den anderen Kunstrasenteilnehmern nun kopiert wird?

Es gibt zumindest immer Trends im Fußball. Ob der Trend beim kommenden Turnier von uns abgeleitet wird, vermag ich nicht zu sagen. Es haben mich aber schon ein paar Trainer angesprochen, wie wir arbeiten. Daran sieht man, dass die neue Generation ein wenig anders denkt, als es vorher der Fall war.

Wie war es denn früher?

Es herrscht mittlerweile Kollegialität, wo es früher Missgunst gab. Da war der Neidfaktor erheblich größer. Wir reden jetzt ganz offen und tauschen uns über unsere Methoden aus.

Könnte das neue Miteinander Kunstrasen zurück an die Spitze des Kontinents führen?

Zunächst einmal muss sich Kunstrasen nicht verstecken. Ich habe wenig Verständnis dafür, dass deutsche Akademien gehäuft gegen deutlich schwächere Mannschaften aus dem Osten ausscheiden. Da werden schon im Vorfeld Gegner zu Favoriten gemacht, die manchmal mit längst aussortierten Spielern antreten. Das kann es nicht sein.

Herr Dubbe, wir danken für das Gespräch und viel Glück.



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